Weniger Anstrengung und Abhängigkeit: Durch das Loslassen von Kontrolle selbstwirksamer, entspannter und freier werden.
- 25. März
- 7 Min. Lesezeit
Heute geht es um das Thema: Kontrolle.
Woher diese (manchmal ganz) subtile Kontrolle eigentlich kommt.
Wie wir versuchen können, sie ein bisschen weiter loszulassen.
Und wie wir uns damit von einer ganz grossen Portion Anstrengung befreien können.
Denn uns und das Leben ständig zu kontrollieren, bedarf enorm viel Ressourcen-Aufwand. Auch wenn wir uns das nicht immer bewusst sind.
Ich hab die Kontrolle bei einem letzten Workshop, den ich geleitet habe, als Thema gewählt. Auch, weil's in meinem Leben mal wieder sehr klar geworden ist, wo ich eigentlich überall noch kontrolliere. Mein Verhalten, wo ich versuche, das Leben zu kontrollieren, und wo ich da in eben eine unbewusste Anstrengung hineinkomme und was das eigentlich mit mir macht.
Heute mal ein bisschen andersrum: Ich habe zuerst das Video/Audio gemacht und dann erst den Text. Ich bin gespannt, wie das funktioniert.
Auch hier versuche ich, ein bisschen Kontrolle abgeben. Und ich übe mich in letzter Zeit darin, immer wieder so ganz kleine Schritte zu machen, und zu sehen, was denn dann eigentlich so in mir passiert.
Viel Spass beim Lesen!
Hinein ins Thema Kontrolle
Als ich mit einer Beziehungsperson von mir geteilt hab, dass es bei dem Workshop um das Thema Kontrolle gehen wird, war folgendes sehr spannend:
Sie sagte, sie hat ja dieses eine Muster, wo sie ihr Verhalten noch kontrolliert und das sie nicht so wahnsinnig gerne mag. Und dass es doch jetzt eine Möglichkeit wäre, als Antwort darauf, bisschen mehr Kontrolle zu übernehmen.
Das fand ich so bezeichnend, weil wir in unserer modernen Gesellschaft eh schon ganz viel kontrollieren, ganz viel tun, ganz viel machen.
Das ist im Grunde nicht nur schlecht, aber es hat häufig ein bisschen überhand genommen.
Ich hab dieser Person dann auch gesagt: Das hab ich ein bisschen anders gedacht. Und zwar: Es geht viel mehr darum, Kontrolle aufzugeben. Nicht, noch mehr von ihr zu etablieren.
Die Ursprünge von Kontrollmustern
Wir erleben in frühester Kindheit Dinge (oder erleben Dinge nicht), die uns mit ganz ursprünglichen Gefühlen in Kontakt bringen: Mit Gefühlen des Nicht-Gehalten-Seins, des Einsam-Seins, Alleine-Seins, des Hilflos-Seins.
Es geht auch oft einher mit einem Gefühl der Scham, des Ausgeschlossenseins, der Ohnmacht und so weiter.
Das nennen wir im Schichtenmodell die „abgewerteten Gefühle". Also jene Gefühle, die so gross und überwältigend wirken, dass sie existenziell bedrohlich sind. Diese Abwehr kommt aus einer Zeit, in der tatsächliches Allein-Gelassen-Sein, Verlassen-Sein wirklich existenziell bedrohlich war, da wir ja als Menschen so lange angewiesen und abhängig sind von den Personen, die sich um uns kümmern.
Unser System ist unglaublich gut darin, diese ganz existenz bedrohenden Gefühle zu vermeiden, wenn sie nicht durch Co-Regulation in unserem Aussen reguliert und aufgefangen werden. Dann entwickelt unser System ausgeklügelte Strategien, diese Gefühle zu vermeiden.
Zwei Schutzstrategien und warum wir sie aufrechterhalten
Vermieden werden können sie in zweierlei Richtungen.
Die eine ist das Aktivwerden: Das Lautwerden, uns die Aufmerksamkeit holen. „Wenn ich laut bin, wenn ich viel Emotion habe, wenn ich wütend werde, wenn ich schreie, wenn ich bedürftig bin, oder auch wenn ich sehr viel leiste für andere, dann bekomme ich über diese Strategie diese Zuwendung, die ich brauche, damit ich diese abgewehrten Gefühle nicht mehr fühlen muss."
Die andere ist die Passivität. Ich nehme mich zurück. „Wenn ich nicht zu viel bin, wenn ich keine Sorgen bereite, wenn ich leise bin, mich benehme, stiller werde und mich nicht mehr authentisch ausdrücke, um nichts falsch zu machen, dann werde ich geliebt." Ich zügle mich in meinem authentischen Sein, weil das mein System als notwendig erachtet, um Zuneigung und Aufmerksamkeit zu bekommen und mich gut zu fühlen.
Es ist im Endeffekt immer eine Aufmerksamkeit, nach der wir uns sehnen. Und die Verbindung, die durch diese Aufmerksamkeit entsteht.
In beiden Fällen ist es eine Form der Anpassung und beide dienen zum Schutz. Unser System ist wirklich ganz toll darin, ganz verschiedene Arten und Weisen dieses Schutzes aufzubauen und sie zu etablieren und über Jahre aufrechtzuerhalten. Sie zu verfeinern. Vielleicht auch neue Strategien zu nehmen, aber grundsätzlich bleibt es bei den Grundstrategien, die wir uns als Kinder aneignen und die wir dann mit in unser Erwachsenenleben nehmen.
Und obwohl wir eigentlich im Erwachsensein nicht mehr so abhängig wären, wie wir es als Kind waren, bleiben sie bestehen.
Eigentlich hätten wir heute viel mehr Möglichkeiten, diese ganzen Gefühle, die wir versuchen abzulehnen, Raum zu geben und ihnen zu begegnen und sie auszuhalten - im wahrsten Sinne des Wortes. Doch wir entwickeln diese Fähigkeit nie, weil wir uns diesen Schutzstrategien meist nicht bewusst sind und sie daher aufrechterhalten.
Und auch wenn wir uns ihnen bewusst werden, passiert häufig das Folgende.
Problem: Kontrolle über die Kontrolle
Auch bei der Person, von der ich euch anfangs erzählt habe, geschah das: Wir haben eine Schutzstrategie, die uns nicht mehr dienlich ist und uns zurückhält, und sobald wir sie erkannt haben, legen wir etwas anderes drüber. Dann versuchen wir zusätzlich auch noch diese Kontrolle zu kontrollieren.
Wie wir diese Kontrolle allerdings am ehesten aufgeben können, am ehesten Schritte machen können, dass unser System nicht mehr die unbewusste Notwendigkeit sieht, an dieser Kontrolle festzuhalten, ist, unserem System die Erlaubnis zu geben, diese abgewehrten Gefühle zu fühlen.
Eine Person aus meiner Ritualausbildung hat das mir mal so schön gesagt: Unser System hat in der Kindheit vor eine sinnbildliche Tür, hinter der ein abgewehrtes Gefühl ist, eine Schutzperson gestellt und seither steht sie dort und hat diese Aufgabe bekommen, uns vor diesem Gefühl zu schützen.
Dieser Aufgabe geht sie auch ganz wunderbar nach. Doch irgendwann kommen wir und sagen: „Hey, geh doch mal zur Seite" und sie sagt: „Hey äxgüse, nein sicher nöd". Oder wir versuchen, uns drumrum zu schleichen oder auf der anderen Seite zu graben.
Und es funktioniert nicht. Weil wir müssen erst Mal diesem Schutzmechanismus von dieser Aufgabe befreien. Und das machen wir, indem wir sie erstmal würdigen. Also nicht weg haben wollen, sondern würdigen und sagen:
„Diese Aufgabe hast du sehr gut erfüllt.
Und das, was du als Aufgabe so lang gemacht hast, das kann ich heute selbst.
Ich kann mich heute selbst schützen.
Ich bin nicht mehr abhängig.
Ich brauche nicht mehr die Anerkennung und die tatsächlich existenziellen Dinge, wie die Aufmerksamkeit unserer Care-Personen, damit die uns das Überleben sichern.
Das ist heute nicht mehr so.
Heute kann ich das selbst."
Und das ist ein Prozess des Loslassens und des Machens von neuen Erfahrungen mit sich selbst. Er richtet das Selbstvertrauen wieder auf und wir lernen immer mehr: „Aha, ich kann das ja wirklich heute selbst."
Der Weg zum Loslassen
Beim Weg dorthin gibt's ganz ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Ich mache es so: Ich beobachte, was passiert, wenn ich die Augen schliesse, mich mit meinem Körper, mit meinen Emotionen verbinde und dann der Qualität zuwende, wie es denn wäre, wirklich Kontrolle loszulassen.
Bei mir hat es keine konkrete Situation. Du kannst natürlich auch eine Situation nehmen, wo du weisst, wo du an Kontrolle festhältst.
Es geht darum, es zu erleben. Also es wirklich auf die Gefühlsebene zu bringen und zu schauen, was in mir passiert, wenn ich Kontrolle loslasse.
Bei mir kommt erstmal eine Angst auf. Das merk ich sehr schnell, es wird eng und hart. Ich werde auch sehr aufmerksam. So „ob, da passiert irgendwas". Ich komme in eine Hab-Acht-Stellung, die ich sehr gut kenne.
Und dann geht es darum, damit zu sein. Erstmal mit dieser Angst zu sein, ohne in sie hinein zu kippen. Sondern ganz scheibchenweise zu sehen: „Aha, diese Angst, die ist bei mir viel im Solarplexus, im Brustbereich. Das fühlt sich so an. Aha."
Versuchen, wertfrei zu beobachten. Neugierig. Schauen und auch wieder aufhören, wenn's zu viel ist.
Es kann auch in Mikromomenten passieren. In denen wir dann mal bewusst wahrnehmen: „Aha, das aber spannend, worum geht es da? Worum geht es mir da? Wie reagiere ich allein schon auf die Idee, Kontrolle loszulassen?"
Und wenn wir dieser Angst Raum geben, kann sie sich integrieren und uns zeigen, wovor sie uns schützt.
Oft kommt zuerst die Entspannung. Und wenn ich in der Entspannung bin, kann ich mich wieder mit der Qualität des Kontrolle Loslassens auseinandersetzen, mich wieder damit verbinden. Dann kommt häufig noch mal eine Welle von dieser Angst.
Es ist nicht mit einmal gemacht, doch wenn wir da dran bleiben, dann merken wir immer mehr subtile Unterschiede, was unter dieser Grundangst ist. Vielleicht ein „Ich fühl mich verloren." Oder „Ich habe Angst davor, verloren zu gehen." Oder die Ohnmacht, die da dahinter ist. Oder oder oder.
Mit dem Sein statt gegen das Sein - ohne Anstrengung
In diesem Prozess geht es immer darum, uns mit etwas zu verbinden bzw. uns etwas zu öffnen, und dann mit dem, was sich in uns zeigt, zu sein. Ohne irgendwo hin zu wollen, ohne auch bei diesem Prozess dann wieder Kontrolle zu übernehmen.
Weil zu sein mit dem, was ist, ohne es anders haben zu wollen, ist das Aufgeben der Kontrolle.
Achtung: Es geht hier übrigens nicht darum, alle Kontrolle abzugeben und diesen Text als Ausrede dafür zu nutzen, total passiv und willkürlich zu werden.
Sondern wieder echte Selbstwirksamkeit zu erhalten: Das Vertrauen und das Wissen, dass ich hier übrigens auch eine Entscheidungsfreiheit habe. Dass ich nicht meinem System, meinen Strategien, meinen Mustern, meinen Glaubenssätzen oder auch Externem ausgeliefert bin, auch wenn das ein Teil von mir glaubt.
Kontrolle loszulassen macht frei. Und all die Energie, die in diesem unbewussten ständigen Kontrollieren gebündelt ist, wird frei.
Wenn wir aufhören, uns selbst, andere und das Leben ständig zu kontrollieren, dann stehen uns so viele Ressourcen zur Verfügung, tatsächlich in die Selbstverantwortung und in die Selbstwirksamkeit zu kommen.
So zu sein, wie es uns wirklich entspricht.
Das wirken zu lassen, was durch uns wirken möchte.
Frei unsere Beziehungen zu gestalten.
Unsere Werte zu leben.
Und von Abhängigkeiten zu befreien, die ausgedient haben.
Uns selbst eine Heimat sein
Was ich in diesem Prozess am eigenen Leib erfahren habe: Durch ihn werde ich „icher". Ich komme mir näher.
Dadurch, dass ich die Kontrolle und die Abhängigkeit im Aussen auflöse, schaffe ich es, mich mehr mit mir zu verbinden. Diesen Schutz, den ich früher durch Strategien hatte, mir selber zu geben.
Das heisst, mir selbst eine sichere Heimat zu sein.
Und diese Sicherheit, diese Klarheit, diesen Frieden, die ich in mir finde, kann ich dann im zweiten Schritt auch in die Beziehungen im Aussen etablieren.
Und das ist ein ganz ganz ganz wunderbarer Prozess.
Soweit zum Thema der Kontrolle. Ich hoffe, du konntest das eine oder andere auch für Dich mitnehmen und dass es Dir in Deinem Prozess dienlich ist.
Falls Du irgendwelche Kommentare oder Fragen dazu hast, dann meld Dich bei mir einfach über die E-Mail Adresse.
In diesem Sinne wünsche ich dir eine ganz wunderbare Zeit.
Von Herzen

Praxis der inklusiven, systemischen Beziehungsberatung für Einzelpersonen und Paare*
Anna Baubin | Psychologische Beraterin in Zürich
*Paar, Substantiv, (n)- zwei durch eine (wie auch immer geartete) Beziehung miteinander verbundene Menschen.

