Beziehungs-Hierarchien beenden – warum sich viele trotz Beziehungen einsam fühlen und was wir dagegen tun können
- 3. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Mai
Viele Menschen weltweit, so auch in der Stadt Zürich, merken immer mehr, dass die traditionelle Idee von Beziehungen nicht mehr für sie stimmt. Das heisst nicht, dass alle romantischen Beziehungen beendet werden müssen.
Doch es ist wichtig, kritisch zu hinterfragen, wie wir zu unseren persönlichen Vorstellungen und Erwartungen von (romantischen) Beziehungen kommen, welche uns wirklich entsprechen und was schlicht gesellschaftliche Prägung ist.
Entromantisiert euch
Das Buch der österreichischen Autorin Beatrice Frasl "Entromantisiert euch"(1) trägt den pointierten Untertitel: "Ein Weckruf zur Abschaffung der Liebe".
Natürlich ist es kein Plädoyer für die Abschaffung der Liebe im Allgemeinen, sondern ein Anstoss zur Bewusstwerdung, wie eingeengt wir in unserer heutigen Gesellschaft dieses so schöne emotionale Phänomen "Liebe" oft verstehen.
Eine grosse Leseempfehlung von mir an dieser Stelle, meine Gedanken im Nachklang zu diesem Buch und ein grosses Dankeschön an meine Schwester Marie, die mir dieses Buch geschenkt hat.
Es hat mich sowohl als Privatperson in meinem eigenen Beziehungsnetzwerk als auch als Beziehungsberaterin in folgender Haltung bestärkt:
Wie wichtig es mir ist, die so oft gelebte Hierarchie von Beziehungen zu hinterfragen und mich dafür einzusetzen, die Liebe aus dem gesellschaftlichen Korsett zu befreien.
Der enge Schuh der romantischen Liebe
Denn Beatrice Frasl beschreibt in ihrem Buch schlüssig, wie der Begriff "Liebe" primär als "romantische Liebe" verstanden wird und wie diese gedankliche und kulturelle Verengung des Begriffes uns Menschen (vor allem Frauen) mehr schadet, als ihnen Glück und Zufriedenheit zu bringen.
Sie nennt allen voran die Amatonormativität(2), also die Annahme und damit das Versprechen, dass es Menschen besser geht, wenn sie in einer romantischen Liebesbeziehung sind.
Sind sie in keiner, sind sie "alleine", so der gesellschaftliche Tenor. Menschen bekommen dann das Attribut "Single" aufgedrückt und das gilt es zu ändern, wenn sie glücklich sein wollen.
"Single" sein ist quasi ein Zwischenstatus. Wehe denen (vor allem Frauen), wenn das eine tatsächliche Lebensentscheidung ist. Dann werden rasch „Verbitterung" und mehrere Katzen dazugedichtet.
Die Vereinzelung in Zweierbeziehungen - sich trotz Beziehung einsam fühlen
Die Realität zeigt jedoch, dass genau jene Menschen (vor allem Frauen), die in keiner romantischen Zweierbeziehung sind, sozial besser eingebunden und weniger alleine sind.
Sie sind zudem meist glücklicher, als jene, die "die Liebe gefunden" haben. Denn was häufig in Zweierbeziehungen passiert, ist eine zunehmende Vereinzelung der Beziehungspersonen bzw. eine Abkapslung des Paares*.
"Die Liebe finden" heisst also in unserer Gesellschaft und so, wie wir romantische Beziehungen leben, auch häufig, andere Beziehungen zu vernachlässigen. Und das ist, warum sich viele trotz Beziehungen einsam fühlen.
Von klein auf bekommen wir eingetrichtert, dass diese eine Beziehung (also die romantische) das ist, wonach wir alle streben müssen und natürlicherweise dann auch all unsere Energie einsetzen, diese zu halten.
Wie viel Menschen dann bereit sind zu ertragen, um etwas aufrechtzuerhalten, was mehr Idee als gelebte Realität ist, erfüllt mich immer wieder mit grossem Erstaunen.
Die Dreifaltigkeit der Ausbeutung
Wird diese eine Zweierbeziehung dann noch erweitert durch mindestens ein Kind, entsteht eine Kleinfamilie.
Diese besteht "natürlicherweise" aus zwei gegengeschlechtlichen Erwachsenen (heteronormativ) und ist selbstverständlich auch exklusiv (mononormativ).
In dieser Dreifaltigkeit (Mutter-Vater-Kind) werden dann diverse gesellschaftliche Aufgaben übernommen und damit privatisiert.
Aus Liebe (und daher gratis) werden Kinderbetreuung, Haushalt und sonstige Care-Leistungen übernommen – meist von Frauen. Oder diese Arbeiten werden an sozial schlechter gestellte Menschen weitergegeben, sofern die Mittel reichen.
So muss sich die patriarchale kapitalistische Gesellschaft darum nicht kümmern.
Der feuchte Traum des patriarchalen Kapitalismus
Diese Form der romantischen Liebesbeziehung - inklusive der daraus entstehenden Zweierbeziehung und Kleinfamilie - wird als das geframt, was wir alle zu wollen haben, weil es uns ja "so natürlich" sei.
Die Biologie wird in diesem Kontext gern als Messwert für die Natürlichkeit dieses Systems hergenommen.
Wer es nicht will, sich also dem amatonormativen Narrativ widersetzt, "hat halt nur noch nicht den passenden Deckel gefunden".
Doch das ändert sich, wenn die "richtige" Person gefunden und das "Single" Dasein endlich vorbei ist.
Dann müssen wir heiraten, Jahrestage feiern, Rosen schenken, zusammenziehen, Kinder bekommen – alles nebenbei ganz wunderbar für die entsprechenden Industrien und deren Shareholder dahinter.
Die Liebe unter Druck
Versteht mich nicht falsch: Ich finde romantische Liebe auch toll und als Beziehungsberaterin wäre es ja fast schon grotesk, sie Menschen ausreden zu wollen.
Doch gerade als Beziehungsberaterin sehe ich, wie viel Druck auf romantischen Liebesbeziehungen liegt und dass Druck in Beziehungen ein verlässlicher Faktor für Spannungen und Konflikte ist.
Und wie viel (falsche) Hoffnung Menschen in sie stecken. Und wie erschüttert sie sind, wenn diese Täuschung endet.
Vor allem, wenn dies alles unbewusst stattfindet.
Das liegt nicht an der Unfähigkeit der Menschen, sondern daran, dass jede Beziehung immer auch massgeblich von anderem im systemischen Kontext beeinflusst ist:
gesellschaftliche Werte und Normen,
eigene Vergangenheit und Prägungen,
individuelle und gemeinsame Beziehungserlebnisse,
aktuelle Beziehungen zu anderen und so weiter.
Den Horizon erweitern
Denn was in unserer "modernen" Vorstellung von Liebe nicht mitgedacht und mitgefördert wird, ist die grosse Bedeutung von Freund:innenschaften und anderen Beziehungen, abseits der Romantik.
Und welche grossen Ressourcen sie in sich tragen.
Mit unseren Freund:innen haben wir oft weitaus mehr Zeit in unserem Leben schon verbracht, als mit jenen Menschen, mit denen wir momentan unser Bett teilen.
Studien zeigen, dass grössere soziale Netzwerke mit höherer Lebenszufriedenheit korrelieren(3) und dass die Qualität und Vielfalt unserer Verbindungen entscheidend für unser Wohlbefinden ist(4), nicht der Fokus auf diese eine Beziehungsidee.
Und wenn es am Schluss nicht um das Finden von Glück und Frieden in unser aller Leben geht, was hat die Suche nach Liebe überhaupt für Beweggründe?
Wenn Du bereit bist, die Liebe in Deinem Leben vom gesellschaftlichen Korsett zu befreien, dann freue ich mich darauf, Dich ein Stück auf diesem Weg zu begleiten.
Von Herzen

Praxis der inklusiven, systemischen Beziehungsberatung für Einzelpersonen und Paare*
Anna Baubin | Psychologische Beraterin in Zürich
*Paar, Substantiv, (n)- zwei durch eine (wie auch immer geartete) Beziehung miteinander verbundene Menschen.
(3) Oh, Chopik & Lucas, (2021). "Happiness Singled Out: Bidirectional Associations Between Singlehood and



