Akzeptanz lernen – Die Fallen: Eingeredete und fehlende Akzeptanz {Teil 2 von 4}
- 13. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Juni
Willkommen zurück zur 4-teiligen Reihe "Die Kunst der Akzeptanz":
Teil II: Die grossen Fallen: Eingeredete und fehlende Akzeptanz
Teil III: In die Praxis: Die Theorie ins Leben bringen
Teil IV: Das Fundament: Womit alles beginnt.
In diesem zweiten Teil beschreibe ich, in welche Fallen wir in dem Versuch, mehr wirkungsvolle Akzeptanz in unser Leben zu bringen, tappen können.
Die verschiedenen Formen von Akzeptanz.
Nachhaltig wirksame Akzeptanz gibt uns die Möglichkeit zurück, Veränderungen in jenen Situationen, Beziehungen und Zuständen anzustossen, in denen wir Handlungsbedarf sehen und uns eine andere Zukunft wünschen.
Und das, ohne vergeblich Zeit und Energie an Wunschvorstellungen, Windmühlen und Wunderhoffnungen zu verschwenden.
Dazu gilt es zu realisieren, dass es verschiedene Formen von Akzeptanz gibt, und zu beleuchten, wie sie sich ausdrücken und unterscheiden.
Warum eingeredete Akzeptanz uns passiv macht und warum fehlende Akzeptanz zu Stress bis Ohnmacht führt.
Wie beide uns in einen Zustand bringen, in dem wir machtlos sind. Oder zumindest glauben, wir wären es...
Eingeredete Akzeptanz aka "Kopf im Sand"
Nehmen wir an: Wir sind in einer Beziehung, in der schon länger der Wurm drinnen ist. Irgendwie fühlen wir uns weder gesehen noch gehört. Noch wertgeschätzt oder verstanden.
Das mag in einer romantischen, partner:innenschaftlichen, freund:innenschaftlichen, beruflichen, familiären oder irgendeiner anderen Form von Beziehung sein.
Vielleicht versuchst Du anfangs noch, Veränderungen anzustossen. Strengst Dich so richtig an, hast gute Vorsätze für Dich selbst und/oder doktorst an der anderen Person rum.
Da Du aber damit scheiterst, beginnst Du, Dir Akzeptanz einzureden.
"Ist ja nicht so schlimm."
"Was kann ich da noch machen?"
"Ich hab ja schon alles versucht."
Eigentlich weisst Du zwar, dass Du doch etwas tun könntest.
Oder weiterhin tun könntest.
Tust es aber nicht und nennst es Akzeptanz.
Viele Menschen versuchen in solchen Momenten, Akzeptanz zu erzwingen, und legen sie damit wie einen Schleier über all die Dinge, mit denen sie eigentlich nicht einverstanden sind und die ihnen nicht guttun.
Warum?
Weil es fucking anstrengend sein kann, sich wirklich für sich selbst einzusetzen.
Denn dafür müssten wir Verantwortung übernehmen.
Uns mit uns selbst, unseren Mustern, Erwartungen, Reaktionen und Verletzungen auseinandersetzen.
Echt ehrlich sein.
Nichts beschönigen.
Dran bleiben...
Näähh.
Es wirkt halt auf den ersten Blick einfacher, es zu verdrängen.
Den Fehler im Aussen zu suchen.
Passiv zu werden.
Mit dem Kopf im Sand auf Veränderung zu hoffen.
Anstatt uns wirklich damit auseinanderzusetzen, schaffen wir Distanz. Zu uns selbst, zu anderen, zur Welt.
Und so bleiben wir gefangen in unserem selbst gebauten Konstrukt der Hilflosigkeit und Stagnation.
Oft so lange, bis ein Schicksalsschlag oder andere mehr oder weniger unvorhersehbare Kräfte von aussen, den Druck so sehr erhöhen, dass doch etwas passiert.
Und dann wundern wir uns, wieso es nicht nach unseren Vorstellungen verläuft, und graben den Kopf noch etwas tiefer.
Fehlende Akzeptanz: Das Verlieren gegen Windmühlen
Das Leben ist manchmal gelinde gesagt scheisse.
- Die Arbeiten auf der Baustelle unter Deinem Fenster beginnen um 6.30 Uhr früh und gehen noch 6 Monate.
- Deine Wohnung wird "saniert" und Dir gekündigt.
- Du verlierst Deine Lohnarbeit.
- Eine Deiner liebsten Personen ist gestorben oder Du hast eine Krankheit, die Dir das Leben schwer macht oder Deine Existenz sogar bedroht.
- ...
Deine emotionale Reaktion: Stress, Angst, Trauer, Wut.
Und das ist ganz normal.
Doch versinken wir zu lange in ihnen und bleiben im Widerstand hängen, können sie zu mehr Stress, Verzweiflung, Wut, Aggression, Kampf, Flucht oder Ohnmacht werden.
Oft verpufft in dem Kampf gegen das, was nicht zu ändern ist, all unsere Energie. Und wir verlieren den Blick dafür, wo wir Handlungsspielraum haben.
Denn, was tun, wenn die Baustelle bleibt, die Wohnung weg ist, die Person tot und die Krankheit existiert?
Kein Schönreden, keine Lösungssuche, kein Sich-Darüber-Aufregen und kein anderer Widerstand werden etwas bewirken.
Ohne Akzeptanz kommen wir nicht weiter.
Und das gilt auch für Dinge jenseits persönlicher Herausforderungen und Beziehungskrisen.
Ein Blick in die Welt und das Bewusstsein für die darin herrschende Ungerechtigkeit, Gewalt, Diskriminierung, Manipulation und Gier reichen aus, um die oben genannten emotionalen Reaktionen je nach eigener Persönlichkeit hervorzurufen, auch wenn im eigenen Leben alles rund läuft.
Und so tappen durch fehlende Akzeptanz manche von uns in das anfangs verführerische Netz der Opferrolle und geben dadurch all unsere Handlungsfähigkeit ab.
„Die anderen sind schuld!", hörst Du Dich laut oder leise sagen. Bewusst oder unbewusst - jedoch mit stetem Einfluss auf Deine Selbst- und Weltsicht.
Oder wir verfangen uns im stetigen Kampf, opfern uns auf, bis wir keine Energie mehr haben, und verlieren so unsere Selbstwirksamkeit.
Beide Extreme führen zu Ohnmacht und verhindern genau das, was wir uns wünschen: Gelassenheit und Frieden.
Und es tut mir leid, dass ich das jetzt so sagen muss, aber:
Es liegt an uns, ehrlich zu werden, Verantwortung zu übernehmen, Verstrickungen ins Bewusstsein zu rücken, Grenzen zu erforschen, innere Widerstände loszulassen und für uns einzustehen.
Denn das wird uns niemand abnehmen.
Wie es weiter geht
Im nächsten Beitrag (3 von 4) erfährst Du, wie der feine Tanz hin zu wirkungsvoller und nachhaltiger Akzeptanz funktionieren kann. Wie Du aufhören kannst zu kämpfen, ohne passiv zu werden. Und gleichzeitig Dich einsetzt, für was Dir wichtig ist, ohne auszubrennen.
Vielleicht gelingt dieser Tanz nicht gleich heute, doch mit etwas Übung im Laufe der Zeit immer mehr und immer einfacher.
Viel Spass beim Lesen.
Von Herzen

Praxis der inklusiven, systemischen Beziehungsberatung für Einzelpersonen und Paare*
Anna Baubin | Psychologische Beraterin in Zürich
*Paar, Substantiv, (n)- zwei durch eine (wie auch immer geartete) Beziehung miteinander verbundene Menschen.



